“Unter Worten” – 1. Buch: Aufbruch – 1. Kapitel: Ankunft

"Schienen im Pott" (2002) von Christian Meskó

“Schienen im Pott” (2002) von Christian Meskó

-Ankunft-

Aus dem Zugfenster sah ich auf den verwaschen dahin rasenden Boden. Der Zug, der nichts mehr zu tun hatte mit den dampfenden Eisenkolossen von damals, der seine äußere Gewaltigkeit verloren hatte und seine offensichtliche Kraft, brachte mich nach Hamburg.Ich träumte in diesen Tagen nicht von der kühlen Ästhetik eines Intercity-Abteils, sondern von Roadmovies in verwaschenen Farben. Vom Leben der Landstreicher, die mit freiem Willen, zerfransten Hut und ihrem geschnürten Beutel in Güterwagen Bohnen aus der Dose aßen, während die Landschaft immer neu an ihnen vorbeiflog. Weiterlesen

-Das zunächst wenig erstaunliche und dann doch alle Alltage umwälzende Tagebuch des Nerv Wannabee-

Smokin' Head on Wheel

1. Tag: 19.07.2016

„Es hat begonnen. Ich bin fast vierzig und Ich habs jetzt kapiert. Es macht alles keinen Sinn. Niemand kümmert der abgedrehte Scheiß in meinem Kopf, oder politisch-philosophische Fragen oder sonstwas. Es soll alles so bleiben wies nie war. Nämlich schön ruhig und mit vielen Luxusartikeln und ohne Gewalt, aber mit schön vielen Displays voller Multi-Media-Welten, in denen abgedrehter Sex, überästhetisierte Gewalt und platte Geschichten den gesamtgesellschaftlichen Kollaps vergessen lassen.“ sagte der Typ, den die aktualisierte Version von Komprimat B-2201, Nerv Wannabee genannt hatte. Er sagte es in diesem Ton, der Resignation, Frustration und Ohnmacht mit einem nervigen Oberlehrertonfall kombinierte. Weiterlesen

Und es ist alles noch da…

Und es ist alles noch da…

 die hügel von rom

Irgendwo, in einer riesigen Stadt. Inmitten der Nacht. Ist der gegenwärtige Moment ein Labyrinth aus Bildern und Geschichten. Irgendjemand, ein Typ in einer Wohnung mit Licht, das auf Holzdielen fällt, sucht einen Weg. Einen Weg, denkt er und erinnert sich, während seine Geliebte und sein kleiner Sohn schlafen. Einen Weg durch alle Zeitalter der Menschheit hindurch zu diesem einen Augenblick, indem das Licht auf Holzdielen fällt. Weiterlesen

“Die Welt der Wächter”

"Jim Pocket und die Welt der Wächter" (2014)

In der fliegenden Informationsauswertungszentrale der „21-Eyes” war dicke Luft. Die auf Höchstleistung getunten Mustererkennungs-Experten der 21 wichtigsten multinationalen Konzerne, Verbrechersyndikate und supranationalen Regierungen sortierten Informationsfragmente, Satellitenbilder und Echtzeit-Livestream-Auschnitte. Von Logarithmen nach der aktuellen Schlagwortkette identifizierter Krisen vorsortiert, waren die mit gehirnimplantierter Nano-Ware vollgestopften Experten nur da, um den global bereit stehenden Einsatzkommandos, Spionagenetzwerken und Meinungsmanipulatoren Handlungsanweisungen zu geben. Etwa zehn Männer und Frauen in Anzügen oder militärischer Funktionskleidung rannten über den Glasboden der fliegenden Einsatzzentrale, durch den momentan das Mittelmeer zu erkennen war. Weiterlesen

“Der Bär”

– 21.08.-26.08.2013 – Vorgebirge Păpuşa, Făgăraș – Rumänien

"Der Bär" (2014)

 

Dem Bär war langweilig. Deshalb folgte er der Gruppe von Wanderern bereits seit zwei Tagen. Irgendwann würde er sich über den betörenden Geruch geräucherten Fleischs in ihrem Gepäck hermachen. Zunächst war es allerdings viel unterhaltsamer ihren unbeholfenen Versuchen zuzusehen sich schweißüberströmt Felsgrate hoch zu wuchten, angsterfüllt den großen Wolfshunden der Schäfer auszuweichen oder verzweifelt nach Wasser zu suchen.

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“Jacks Frühstück”

"Jack Anybody"

Es war weniger Nacht als Morgen. Noch war kein Licht zu sehen, außer von Glühbirnen, die in ihrer Fassung hängend kaltes Licht verströmten. Ansonsten war alles dunkel. Im blieben genau elf Minuten. Jack bog ein in die 4., Ecke Pennsylvannia Station. Alles war ruhig. Selbst das besoffene Schnarchen von Pennern hinter den Müllcontainern fehlte. Er zog kurz ein letztes mal an der Camel und schnippte sie dann weg. Sie fiel mit dem letzten aufleuchten der Glut, eine rote Spur in die Nacht ziehend, zu Boden. Bevor er sich entschloss einen anderen Weg zu nehmen. Weiterlesen

“Unter Worten” – Prolog

"Schienen im Pott" (2002)

“Schienen im Pott” (2002)

-Prolog-

Bestimmte Dinge wiederholen sich ewig.
Bilden einen stets aufs Neue entstehenden Kreis aus Verhaltensmustern, Persönlichkeitsmerkmalen,
den daraus entstehenden Fehlern oder Vorteilen.
Nicht zuletzt natürlich, das man glaubt man hätte bestimmte Unzulänglichkeiten endlich über Bord geworfen. Nur um dann nicht viel später zu entdecken, wie geschickt man sie vor sich verborgen hatte. Gekleidet in minimal von den alten abweichende Strukturen, die niemanden wirklich täuschen konnten.
Nur einen selbst. Weiterlesen

“Jack Fog und das Tal der vergessenen Geschichten” – Prolog: “Bruder Nebel”

"Jack Fog" von Christian Meskó
“Jack Fog und das Tal der vergessenen Geschichten”

1. Buch: “Nach dem Erwachen”

 

-Bruder Nebel-

Der Anfang.
Nur ein Ausschnitt.
Unter mir in den Höhlen die nicht abklingende Litanei.
Der Wind treibt Wolken durch den Ausschnitt, der meinem Blick bleibt.
Weit entfernt, Berge. Weit entfernt, grüne Täler und das letzte Licht einer noch nicht untergegangenen Sonne. Irgendwo, weit hinter dem Ausschnitt, der meinem Blick übrig geblieben ist.
Zeit ist hier nur ein Wort in einem Rahmen aus Stein.
Heraus geschnitten aus vergessenen Geschichten, wie die Hallen, die tief in die Felsen getrieben wurden. Katakomben, die in namenloser Tiefe das Vergessen bewahren. Im Dröhnen wider hallender Gesänge, im nie endenden Grau, dass das Weiß zwischen den Zeilen verschwinden lässt.
Die Konturen der Worte vor dem einst leuchtenden Hintergrund verwischt.
Das Bild am Anfang zeigt mich nur als Ausschnitt.
Irgendwo, in einem schwarzen Turm, der die umliegenden Gebirgsmassive im Licht einer vor Wolken atemlosen Sonne, weit überragt. Weiterlesen

-00:00Uhr bis 01:00Uhr- oder (Treffpunkt um Mitternacht)

Erwacht in der Bewegung.Er ging eine Strasse hinunter. Folgte seinem Schatten. Die Nacht war schwül und unter den Straßenlaternen waren noch Pfützen vom letzten Regen. Das Gewicht der Aktentasche in seiner rechten Hand. Sein Blick streifte sein Bein. Mittelbraune Hose, dunkelbraune, etwas derbe Lederschuhe. Den braunen Filzhut tief ins Gesicht gezogen.

Jack Fog, dachte er. Das ist nicht mein Name.

Durch eine müllübersäte Unterführung, die die Arbeiter benutzten, wenn sie von der Schicht kamen. Am andern Ende Lichter in der Dunkelheit. Dahinter die überwiegend dunkle Silhouette der kaum noch genutzten Fabrik. Hinter seiner Netzhaut verknüpften sich diese visuellen Signale. Setzten sich augenblicklich in Beziehung zu dem Übersichtsplan des Geländes, der vor seinem inneren Auge entstand. Innerhalb von Sekunden durchblätterte er in seinem Gedächtnis mehrere Perspektiven des Lageplans. Achtete dabei auf den Standort der wenigen Wärmequellen, die sich farblich vom restlichen Plan abhoben. Sie zeigten ihm den Standort der wenigen wieder in Betrieb genommenen Maschinen und einiger Sicherheitskräfte. Er hatte noch fünf Minuten, den verabredeten Treffpunkt zu erreichen. Er würde nur drei brauchen. Weiterlesen

"schlafende mit schlaflosem haar" (1997)
von Christian Meskó

“Zugfahrt”

"Schienen im Pott" (2002)

“Schienen im Pott” (2002)

Zugfahrt

Der frühe Morgen gefriert, fröstelt und gestaltet Atemwölkchen, die in der Luft zerfallen. Niemand steht leer und kalt in der Wartehalle, niemand wartet oder verpaßt irgendwas und falls doch, dann zumindest nicht hier.

Schalter, Knöpfe von bunt beleuchtetem Plastik umrahmt, Wechselgeld, zu wenig Geld. Zierliche Metallzahlen oder Buchstaben, in Farbe getaucht, heften sich apathisch, mechanisch auf gefärbte Papierquadrate.

Alles muss schließlich sein Ordnung haben und wenn es die mal nicht gibt, wird eben eine erfunden. Weiterlesen